Die Weine von Anders Frederik Steen zeigen, wie eigenständig Naturwein sein kann, wenn ein Winzer Terroir, Handwerk und spontane Gärung nicht als Schlagworte, sondern als Arbeitsweise versteht. In diesem Artikel ordne ich seinen Stil ein, zeige, wo die Flaschen entstehen, woran man den Charakter im Glas erkennt und wie man solche Weine sinnvoll auswählt. Wer klare Orientierung statt bloßer Etikettenromantik sucht, bekommt hier die wichtigsten Punkte kompakt und praxisnah.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick
- Der Winzer stammt aus Dänemark und kommt aus der Gastronomie, nicht aus der klassischen Weinproduktion.
- Seit 2013 ist sein Name eng mit der Ardèche, vor allem mit Valvignères, verbunden.
- Typisch sind spontane Gärung, sehr wenig Eingriffe sowie oft Verzicht auf Schönung und Filtration.
- Die Weine sind bewusst nicht standardisiert, sondern folgen Jahrgang, Traube und Idee.
- Für den Einstieg zählen Stilprofil, Serviertemperatur und Luft im Glas mehr als der poetische Flaschenname.
Wer hinter den Weinen steckt
Steen kommt nicht aus einer klassischen Winzerfamilie, sondern aus der Gastronomie. Vor seiner Arbeit im Keller stand er als Koch und Sommelier in anspruchsvollen Küchen und auf guten Getränkekarten, unter anderem in Kopenhagen. Genau das merkt man seinen Weinen an: Er denkt in Aromen, Textur und Balance, nicht nur in Rebsorten oder offiziellen Stilbegriffen.
Ich halte diesen Hintergrund für entscheidend, weil er erklärt, warum seine Flaschen oft so präzise wirken, obwohl sie bewusst unruhiger und freier ausgebaut sind als viele konventionelle Weine. Seit 2013 baut er Wein auf Naturwein-Basis aus und hat sich später zusammen mit Anne Bruun Blauert in Südfrankreich verankert. Diese Perspektive wird erst wirklich greifbar, wenn man die Herkunft der Trauben anschaut.

Woher die Weine kommen und warum das Terroir zählt
Der Lebensmittelpunkt liegt heute in Valvignères in der Ardèche, einer Gegend, die für Naturweinfreunde längst mehr ist als nur ein Punkt auf der Landkarte. Die Reben stehen dort auf Ton- und Kalksteinböden, teils auf Flächen, die seit Jahren organisch bewirtschaftet werden. Das ist wichtig, weil solche Böden meist nicht für plakative Frucht sorgen, sondern für Spannung, Struktur und ein gewisses Rückgrat.
Ein Teil der Trauben stammt von befreundeten Betrieben wie Le Mazel, wo mit Jocelyne und Gérald Oustric gearbeitet wird. Für mich macht genau das den Reiz aus: Es ist kein anonymer Kellerstil, sondern ein Netz aus Lage, Handarbeit und vertrauensvoller Herkunft. Dadurch schmecken die Weine selten nach einer Einheitsformel, sondern eher nach einem konkreten Ort mit eigener Energie.
Genau dort wird verständlich, warum der Keller so frei arbeiten kann, ohne dass die Weine ihren Halt verlieren.
Was Anders Frederik Steen von vielen Naturweinwinzern unterscheidet
Sein Ansatz unterscheidet sich von vielen Naturweinwinzern vor allem darin, dass er keine Serienästhetik sucht. Trauben stehen im Zentrum, nicht ein festes Rezept. Je nach Cuvée wird direkt gepresst, von Hand entrappt, spontan vergoren oder länger im Holz ausgebaut. Gerade diese Mischung aus Freiheit und Disziplin macht die Weine wiedererkennbar.
- Spontane Gärung statt standardisierter Kellerhefen sorgt für mehr Eigenleben und oft auch für mehr Spannung im Glas.
- Wenig Eingriffe bedeuten meist keine Schönung und keine Filtration, also mehr Textur, aber auch mehr mögliche Flaschenvariation.
- Oxidativer Ausbau kann bewusst eingesetzt werden und bringt Würze, Tiefe und Reife, wenn er sauber geführt wird.
- Keine Serienlogik heißt: Jahrgang und Idee sind wichtiger als eine identische Wiederholung von Flasche zu Flasche.
Wichtig ist dabei ein Begriff, der im Naturwein schnell missverstanden wird: oxidativer Ausbau. Damit ist nicht einfach ein Fehler gemeint, sondern ein bewusster Umgang mit Sauerstoff im Keller, der Textur, Würze und Reifetöne fördern kann. Wenn das sauber gemacht ist, wirkt der Wein tiefer und vielschichtiger. Wenn es zu weit geht, kippt die Balance schnell. Genau in dieser schmalen Linie liegt die Stärke seiner Weine.
Die poetischen Flaschennamen sind deshalb kein Gimmick. Sie ersetzen nicht den Inhalt, sondern markieren, dass hier keine Serie nach demselben Muster entsteht. Wer das akzeptiert, versteht die Weine besser und kauft gezielter.
Welche Flaschen sich für den Einstieg eignen
Für den Einstieg würde ich nicht nach dem spektakulärsten Namen greifen, sondern nach dem Stil, den du eigentlich suchst. Bei diesem Produzenten helfen technische Hinweise oft mehr als poetische Etiketten. Genau so lässt sich besser entscheiden, ob eine Flasche frisch, texturiert oder bereits deutlich oxidativ angelegt ist.
| Typ | Profil im Glas | Wann ich ihn wähle |
|---|---|---|
| Direkt gepresste Weißweine | Klar, frisch, oft zitrisch und geradlinig | Wenn ich elegante Naturweine mit wenig Reibung suche |
| Mazerierte Weiß- oder Roséweine | Mehr Griff, Tee, Kräuter und Struktur | Wenn ich Orange-Wine-Typen mag, aber keine Überladung will |
| Rotweine aus Syrah, Grenache oder Merlot | Saftig, würzig, teils leichter als erwartet | Wenn ich Rotwein mit Energie statt Schwere suche |
| Lange gereifte oxidative Cuvées | Nussig, tief, reif und oft sehr komplex | Wenn ich viel Luft, Reife und Eigenheit schätze |
Wenn du im Handel nur ein paar Stichworte siehst, achte auf Begriffe wie direct press, maceration, oxidative, barrique oder no added SO2. Ich würde mit den klareren, direkt gepressten Flaschen anfangen und erst danach zu den sehr langen oder bewusst oxidativen Stilen wechseln. Das verringert die Chance, dass du den Charakter des Hauses mit einem Extrem verwechselt.
Auch beim Food-Pairing sind diese Unterschiede nützlich: Direkt gepresste Weißweine passen stark zu Fisch, Gemüse und Ziegenkäse, mazerierte Versionen eher zu Geflügel, Pilzen und kräftigerem Gemüse, oxidative Cuvées eher zu gereiftem Käse, Nussküche oder Gerichten mit Röstaromen. Im deutschen Handel tauchen solche Flaschen meist eher über spezialisierte Naturwein-Händler oder Bars auf als über das Standardregal.
Wer so auswählt, vermeidet den häufigsten Fehler: einen Naturwein wie einen neutralen Standardwein zu behandeln.
Wie man diese Weine richtig serviert und beurteilt
Natural Wines dieser Art brauchen keine Zeremonie, aber sie profitieren von ein paar sauberen Regeln. Ich serviere helle Cuvées meist bei 10 bis 12 Grad, strukturiertere Rotweine eher bei 14 bis 16 Grad. Zu kalt wirkt der Wein verschlossen, zu warm wird die Säure schnell breiter, als sie sein muss.
- Gib der Flasche 15 bis 30 Minuten Luft, wenn sie verschlossen wirkt.
- Akzeptiere leichte Trübung oder Sediment als normal, solange der Wein sauber riecht.
- Unterscheide bewusst zwischen flüchtiger Säure und echtem Fehler: Ein wenig Spannung kann Stil sein, Nagellack oder scharfer Essiggeruch eher nicht.
- Probier den Wein nach dem Öffnen zweimal: direkt und nach etwas Luft. Bei solchen Flaschen ändert sich oft mehr als bei standardisierten Weinen.
Gerade bei oxidativ ausgebauten Weinen lohnt es sich, das Glas nicht zu groß und die Temperatur nicht zu hoch werden zu lassen. Dann zeigt sich besser, ob der Wein Tiefe hat oder nur müde wirkt. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Naturwein nicht automatisch per se komplex ist; er braucht genauso präzises Handwerk wie jeder andere Stil.
Wenn du genau so probierst, liest du den Wein nicht nur geschmacklich, sondern auch in seiner Absicht.
Was Weinfreunde aus diesem Ansatz mitnehmen können
Der eigentliche Wert dieser Weine liegt für mich nicht darin, dass sie besonders „anders“ sein wollen. Spannend ist vielmehr, dass hier ein Winzer zeigt, wie weit man gehen kann, wenn man Herkunft, Minimalintervention und persönliche Handschrift ernst nimmt. Das Ergebnis ist selten bequem, aber oft sehr lebendig.
- Kaufe nach Stil, nicht nur nach Name oder Etikett.
- Erwarte keine Kopie von Jahr zu Jahr.
- Beurteile unfiltrierte Weine nicht an der Klarheit im Glas, sondern an der Balance.
- Wenn du Naturwein neu entdeckst, starte lieber mit den zugänglicheren, direkt gepressten Cuvées.
Genau darin liegt die Stärke dieses Ansatzes: Er zeigt, dass Naturwein nicht eine einzige Geschmacksschublade ist, sondern ein Spektrum zwischen Frische, Textur, Oxidation und Präzision. Wer das versteht, wählt bewusster und trinkt am Ende besser.
Mein praktischer Rat bleibt am Ende schlicht: Behandle solche Flaschen nicht wie ein Versprechen auf identischen Geschmack, sondern wie eine präzise Momentaufnahme. Achte auf Ausbau, Struktur und Temperatur, und gib dem Wein im Glas etwas Luft. Dann erschließt sich viel von dem, was an dieser Art Naturwein wirklich spannend ist.
